Justine Siegemundin

Deutschlands berühmteste Hebamme des 17. Jahrhunderts war Justina Siegmund (1636–1705), geborene Dittrich, auch Justine Siegemundin genannt. Die „Wehemutter“ erfand den „gedoppelten Handgriff“, mit dem bei einer Querlage des Kindes eine Wendung auf den Fuß vorgenommen und damit die Geburt ermöglicht wird. Sie wirkte als „Hof-Wehemutter“ in Berlin und verfasste ein Lehrbuch, das zu den bedeutendsten Dokumenten der Medizingeschichte zählt.

Justine Dittrich kam 26. Dezember 1636 als Tochter des evangelischen Pfarrers Elias Dittrich in Rohnstock (Schlesien) zur Welt. Sie heiratete den Renth-Schreiber Siegmund. Aufgrund ihrer Scheinschwangerschaft, die nicht gleich als solche erkannt wurde und ihr zwei qualvolle Wochen bereitete, wandte sie sich – zunächst aus persönlichem Interesse – der Geburtshilfe zu.


Das Geburtshaus von Justine Siegemundin geb. Dittrich in Rohnstock

1683 wurde Justine Siegemundin Amtshebamme („Stadt-Wehemutter“) in Liegnitz, obwohl die preußische Hebammenordnung vorschrieb, nur Frauen, die selbst geboren haben, dürften als „Wehemutter“ aktiv werden. Bald genoss sie großes Ansehen als Hebamme. Deswegen berief der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620–1688) sie als „Chur-Brandenburgische Hof-Wehemutter“ nach Berlin. Der Kurfürst schickte sie auch an den niederländischen Hof, wo man sie bedrängte, sie solle ihr Lehrbuch mit Kupferstichen versehen und zur Drucklegung freigeben.


Titel ihres Buches

Justine Siegemundin legte ihr Manuskript erst der Medizinischen Fakultät Frankfurt an der Oder vor und erhielt am 18. März 1689 die wissenschaftliche Anerkennung durch Testat. 1690 erschien ihr Lehrbuch mit dem Titel „Die Kgl. Preußische und Chur-Brandenburgische Hof-Wehemutter. Ein höchstnöthiger Unterricht von schweren und unrechtstehenden Geburten“ in Leipzig.

In dem Lehrbuch schilderte Justine Siegemundin die weiblichen Organe, gynäkologische Operationen, Gebärstuhl und Geburtsbett sowie verschiedene Handgriffe, um eine schwierige Geburt zu einem glücklichen Ende zu führen. Vor allem aber schilderte sie den „gedoppelten Handgriff“, der dann zur Anwendung kam, wenn das Kind quer oder schräg lag und die Fruchtblase bereits offen war. Das Kind wurde durch innere Handgriffe mit Hilfe von Bandschlingen so gedreht, dass es mit den Füßen zuerst geboren werden konnte.

Der Untertitel des Werkes erläuterte das Anliegen der Autorin. Er lautet: „Wie nehmlich durch öffentlichen Beystand, eine wohlunterrichtete Wehe-Mutter mit Verstand und geschickter Hand dergleichen verhüten, oder wanns Noth ist, das Kind wenden könne; Durch vieler Jahre Übung selbst erfahren und wahr befunden“.

Neider und Feinde setzten der Siegemundin mit Gegenschriften zu, doch die erfahrene und kluge Hebamme wusste sich ihrer Gegner fachkundig und geschickt zu erwehren. Ihr Lehrbuch erreichte bis Mitte des 18. Jahrhunderts mehrere Auflagen und wurde sogar in die niederländische Sprache übersetzt. Es ist leicht verständlich und mit wichtigen Illustrationen, vor allem zu den Kindslagen, ausgestattet. Weil es damals mit Ausnahme von Paris noch keine Hebammenschulen gab, diente das Werk als Lehrstoff und Ratgeber.

Auch unter dem ersten Preußenkönig Friedrich I. (1657–1713) arbeitete Justine Siegemundin als „Hof-Wehemutter“. Zu einer Zeit, in der sich in der Regel weder Ärzte noch Wundärzte mit der Geburtshilfe befassten, demonstrierte Justine Siegemundin ihre Kunst bei zahlreichen pathologischen Geburten. Darüber führte die Hebamme genau Buch. Innerhalb von etwa drei Jahrzehnten leitete sie etwa 5000 Geburten. Am 10. November 1705 starb Justine Siegemundin im Alter von 68 Jahren in Berlin.


Graf Bolko von Hochberg

Hans Heinrich XIV. Bolko Graf von Hochberg wurde am 23. Januar 1843 zu Schloß Fürstenstein in Schlesien als Sohn des Fürsten von Pleß geboren. Nach dem Besuch des Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau sowie der Vollendung der juristischen Studien in Bonn und Berlin trat er 1867 in den diplomatischen Dienst, den er aber nach kurzer Zeit wieder verließ, um sich auf seinem Schlosse Rohnstock (zwischen Jauer und Bolkenhain gelegen) seinen musikalischen Neigungen ganz widmen zu können. Schon als Jüngling hatte er seine erste dramatische Komposition verfaßt, das Singspiel "Claudine von Villa bella", Text von Goethe, das 1864 in Schwerin erstmalig aufgeführt wurde; eine dreiaktige romantische Oper "Die Falkensteiner" folgte (1876, Hannover), später umgearbeitet unter dem Namen "Der Wärwolf" (1881, Dresden). In der Folge wandte sich Graf Hochberg mehr dem Liede und der Instrumentalkomposition zu; seine Werke erschienen unter dem Decknamen I. H. Franz. Drei Symphonien (C-, E- und F-Dur), zwei Trios, drei Quartette und ein Klavierkonzert sind als größere Werke daraus hervorzuheben. Mehrere dieser Kompositionen sind auf den Programmen der Schlesischen Musikfeste erschienen.

Viel bedeutsamer für seine Landsleute und Zeitgenossen aber war es, daß der Graf neben seiner Tätigkeit als Komponist auch ein wahrer Musikfreund und sozial empfindender Mensch war. Er hatte während seiner Studienzeit im Westen Deutschlands die dort seit länger als 50 Jahren blühenden "Niederrheinischen Musikfeste" kennengelernt und den Plan gefaßt, diese Veranstaltungen nach seiner Heimatprovinz Schlesien zu verpflanzen. Mit der ihm eigenen Willenskraft sowie unter opferfreudiger Einsetzung reicher Geldmittel gelang ihm das herrliche Werk: Das 1. Schlesische Musikfest konnte 1876 in Hirschberg, das 2. im folgenden Jahre in Breslau gefeiert werden. 1878 und 1880 folgten das 3. und 4. in Görlitz, dann wechselten Breslau (1881, 1884 und 1887) und Görlitz (1883 und 1886), bis endlich vom 10. (1887) an alle folgenden Feste in Görlitz, das sich als größere Provinzialstadt geeigneter als die Hauptstadt erwies, abgehalten wurden. Hatte man 1886, als Graf Hochberg zum Generalintendanten der Kgl. Schauspiele in Berlin ernannt wurde, gefürchtet, er werde nun sein begonnenes Werk ruhend lassen, so zeigte sich bald, daß sein Wort: "Die Schlesischen Musikfeste werden nun, denke ich, erst recht zu blühen anfangen", das er in diesem Jahre an einen besorgten Hirsch-berger Musikfreund geschrieben hatte, in Erfüllung ging. Durch seine große Liebenswürdigkeit, die den Grafen bei allem Tun auszeichnete gelang es ihm nämlich in der Folgezeit, die Berliner Kgl. Kapelle für die Mitwirkung bei den Musikfesten zu gewinnen und damit einen Fortschritt zu schaffen, der die künstlerischen Leistungen in den Festkonzerten auf eine bis dahin nie erreichte Stufe hob. Wie sehr die Kapelle an ihrem Vorgesetzten hing, zeigte sitzt darin, daß sie auch nach dem Jahre 1903, nachdem der Graf seine Berliner Stellung aufgegeben hatte, ihm mit ihrer Unterstützung treu blieb. Damit sind des Grafen Hochherg Verdienste um unser Musikleben aber noch nicht erschöpft: er vermittelte uns nicht nur zahlreiche künstlerische Genüsse, er half uns auch den Raum schaffen, der uns heute für alle größeren musikalischen Ereignisse den wirkungsvollen Rahmen gibt, die Stadthalle. Die alte Musikfesthalle schon war durch die Freigebigkeit das Grafen erworben worden; war sie auch nur ein schmuckloser Holzbau, so erfüllte sie doch ihren Zweck jahrzehntelang, und manches schöne Fest ist in ihr gefeiert worden. Als dann der Plan, eine neue Festhalle zu bauen, auftauchte, erwirkte Graf Hochberg die Erlaubnis zur Veranstaltung einer Lotterie, deren Erlös in Höhe von 300000 M. der Stadt als Grundstock zum Bau überwiesen wurde. Als dann im Oktober 1910 die Stadthalle eingeweiht werden konnte, ehrte die Stadt den verdienstvollen Mann mit der höchsten Auszeichnung, die sie zu vergeben hat: sie ernannte ihn zum Ehrenbürger von Görlitz. Neunzehn Schlesische Musikfeste hat Graf Hochberg als Protektor mitfeiern dürfen, davon vierzehn in Görlitz. Als der rüstige Greis von 82 Jahren am Schluß des letzten Festes das Podium betrat, um allen Mitwirkenden seinen Dank auszusprechen, als sich die ganze Festversammlung einmütig erhob, um ihrerseits dem Schöpfer der Schlesischen Musikfeste für alles zu danken, was er im Laufe eines halben Jahrhunderts für unser Musikleben getan hat, als er dann mit den Worten Hans Sachsens begann: "Euch macht ihr's leicht, mir macht ihr's schwer", da klang wohl durch seine Ansprache eine leise Vorahnung, es könnte dies ein Abschiedswort für immer sein. Aber die gute Gesundheit und die Geistesfrische des Grafen ließen doch auf ein frohes Zusammenfeiern im Jahre 1928 hoffen, und so klang ihm denn von allen Seiten das "Auf Wiedersehen in drei Jahren!" entgegen. Es ist anders gekommen. Am 1. Dezember 1926 hat Graf Hochberg in Bad Salzbrunn seine Augen zum letzten Schlummer geschlossen. Vertreter der Stadt und des Festausschusses haben ihn in Rohnstock zu Grabe geleitet.

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Stand: 4.3.2011